Quellennachweis
Chronik aus: „Das Leben in Ginsheim-Gustavsburg im Wandel der Zeit“ von Lajos Kakucs
Herausgeber: Gemeinde Ginsheim-Gustavburg
Ort: Ginsheim-Gustavsburg,
2005
Altrheinschützen Ginsheim 1950 e.
V.
In der Katasterkarte und Beschreibung der Grenze der
Gemarkung Ginsheim, bearbeitet durch den
Großherzoglichen Katastermeister Becker in den Jahren 1846-1850, ist in der Bleiau ein zum Anwesen des Johannes Mähn
gehörendes „Schützenhaus“ mit Scheuer und Viehstall eingezeichnet. Der aus
Laubenheim stammende Mähn wird schon im Jahr 1842 als
ein in der Bleiau lebender Ortsbewohner erwähnt, und
im Ginsheimer Ortsbürgerregister
aus dem gleichen Jahr wird er als Leinenweber angeführt. Später ist Mähn als Besitzer einer Schiffsmühle in Erscheinung
getreten. Im Einwohnerregister aus dem Jahr 1862 ist Martin Schmitt als
Besitzer des Hauses in der Bleiau eingetragen. Im
Brandkataster aus 1873 ist das Gebäude als Wohnhaus und 1891 als
Arbeiterwohnung des MAN-Werkes Gustavsburg
verzeichnet. Ob dieses „Schützenhaus“ schon vor 1846 von Ginsheimer
Schützen benützt wurde, darüber haben wir keine gesicherte Information.
Nach Mitteilung von Werner Wabnitz
wurde 1590 der erste Schützenverein im Kreis Groß-Gerau, der zweite aber 1862
in Rüsselsheim gegründet. Falls das „Schützenhaus“ in der Bleiau
1846 tatsächlich zu einem Ginsheimer Schützenverein
gehört haben sollte, dann wären die heutigen Altrheinschützen die Nachfolger
des zweitältesten Schützenvereins im Kreis Groß-Gerau. Das
in Ginsheim schon vor 1846 ein Schützenverein
bestand, das erfahren wir aus den Eintragungen des Pfarrers Wägner
in der Kirchenchronik des Jahres 1846, in der der damalige Ginsheimer
Pfarrer ausführlich den Verlauf des 100jährigen Kirchweihfestes schildert. Nach
den Überlieferungen von Wägner begann das eigentliche
Volksfest in Ginsheim am vierten Sonntag im August
1846 nach dem Gottesdienst mit einem Umzug, „eingeleitet durch den Zug der
Schützen im Dorf“. Wägners Eintragungen besagen
deutlich, dass 1846 die Ginsheimer Schützen den
Festzug angeführt haben.
Die Existenz der Ginsheimer
Schützen wird 1850 in einer Genehmigungsschrift der Großherzoglich-hessischen Regierungskommision aus Darmstadt bestätigt. In dem von
Regierungskommissar Stark am 05. September 1850 unterzeichneten Akt wird darauf
hingewiesen, dass der Gustavsburger Gastwirt Philipp
Schneider neben seinem Hofrat einen Scheibenschießstand errichten darf. Der
genannte Hof war die 1834 gebaute Posthaltestation „Zur Gustavsburg“,
das spätere „Haus Prizelius“ in der alten Darmstädter
Landstraße 1, heute Kolpingstraße 9 – damals das zweitälteste Gebäude in Gustavsburg. Der zur Gastwirtschaft gehörende
Scheibenschießstand du die mächtigen Scheunen und Nebengebäude standen
wahrscheinlich zwischen Maindamm und Burggraben.
Der schon vor 1846 bestehende Ginsheimer
Schützenverein hat am November 1862 seine Statuten ausgearbeitet und dem
Großherzoglichen Kreisamt Groß-Gerau zur Genehmigung vorgelegt. Die Genehmigung
wurde am 01. April 1863 mit Auflagen erteilt. Danach mussten die Ginsheimer Vereinsmitglieder und die auswärtigen Teilnehmer
an den von der Gesellschaft veranstalteten
Scheibenschießen einen gültigen Jagdwaffenpass besitzen. Die gleiche Behörde genehmigte
am 21. Juli 1863 die Benutzung des vereinseigenen Schießplatzes. Der alte
Schießstand in Gustavsburg musste wegen
Brückenbauarbeiten auf der Mainspitze aufgegeben werden. Der neue Schießplatz
des Vereins, versehen mit einer „Schießmauer“, wurde 1863 in Ginsheim hinter dem damaligen Ortsdamm,
heute Ringstraße, errichtet. Als Erinnerung an den verschwundenen Schießstand
wird hier noch heute eine Straße „Am Alten Schießstand“ genannt. Am 03. Juli
1865, als der Ginsheimer Lehrer Straub sein
50jähriges Jubiläum feierte, bekam er vom Gesangverein, vom Schützenverein und
vom Turnverein einen kostbaren Silberpokal als Geschenk überreicht. In der auf
dem Pokal eingravierten Inschrift „Zum Andenken unserm lieben Lehrer J. Straub
zu seinem 50jährigen Dienstjubiläum. Gewidmet von dem Gesang-, Turn und
Schützenverein zu Ginsheim, am 03. Juli 1865“ werden
alle Vereine, die 1865 in Ginsheim wirkten,
aufgezählt.
Nach dem Krieg von 1870/71 gelangten die neu gegründeten
„Kriegervereine“ in ganz Deutschland rasch zur Blüte. In vielen Dörfern gingen
die Schützen und Kriegervereine ineinander auf. Da wir über den Ginsheimer Schützenverein später keine Nachrichten mehr
haben, können wir annehmen, dass der Ginsheimer
Schützenverein zwischen 1872 und 1880 im neugegründeten
Militärverein aufgegangen ist. 1880 bestand der Ginsheimer
Schützenverein noch bzw. erneut, das belegt ein Gesuch des Vereins vom 23.
Januar an die Kreisbehörden, in dem die Ginsheimer
Schützen um die Erlaubnis bitten, bei der Beerdigung der verstorbenen Vereinsmitglieder
Ehrensalven abgeben zu dürfen. Der Ginsheimer
Militärverein beteiligte sich am 06. Dezember 1889 mit zwanzig Mitgliedern am
Aufmarsch der Militärvereine aus der Provinz Starkenburg; der Aufmarsch wurde
zu Ehren des Kaisers Wilhelm II. in Darmstadt organisiert. 1890, als in Ginsheim ein Denkmal zur Erinnerung an den Krieg von
1870/71 gegen Frankreich eingeweiht wurde, spendete der örtliche Militärverein
unter der Leitung von Philipp Hauf 150 Mark für den
Denkmalbau; in der Denkmalurkunde werden die Altrheinschützen nicht erwähnt. Im
Dezember 1918 stand der Ginsheimer Militärverein
unter der Leitung von Friedrich Eitel und musste seine „Ausrüstung“ –dreizehn
Gewehre- den französischen Besatzungstruppen abgeben. Nach dem Ersten Weltkrieg
wurde in Ginsheim neben dem Militärverein ein „Marineverein“
gegründet. Hier muss erwähnt werden, dass ein Militärverein in Gustavsburg schon vor dem Ersten Weltkrieg gegründet worden
war. Die Vereinsfahne aus dem Jahr 1914 wird heute im Heimatmuseum aufbewahrt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Ginsheimer
Schützen unter der Leitung von Johann Berkau die
„Altrheinschützen-Garde“ gegründet, die mit ihren bunten Gardeuniformen lange
Zeit Höhepunkte der Ginsheimer
Fastnachtveranstaltungen waren. Hier soll erwähnt werden, dass schon bei dem
alten Schützenverein die karnevalistischen Traditionen hoch gehalten wurden.
Nach Informationen von Werner Wabnitz haben einige
Mitglieder des Ginsheimer Schützenvereins bereits
1894 unter der Leitung des Schlossers Adam Dreyer einen
Karnevalverein in Ginsheim gegründet. Die alten
Karneval- und Schützentraditionen wurden 1950 von den Ginsheimer
Altrheinschützen unter der Leitung von Johann Berkau
wiederbelebt. Die eigentliche Sportschützenabteilung des Vereins wurde erst
1956 gegründet, und nach zwei Jahren wurde im Garten des Vorstandsmitgliedes
Georg Bender in der Firedrich-Ebert-Straße der sogenannte „Schießstand im Gemüsegarten“ aufgebaut. Vorher,
im Jahr 1955, haben die Altrheinschützen ihre Sommerpreisschießen um den
Königspokal – gewonnen vom Astheimer Helmut Golke – im Hof der Gaststätte Schäfer ausgetragen.
Im November 1957 sind die Ginsheimer
Altrheinschützen dem Schützenkreis Groß-Gerau beigetreten. Bei den
Gaumeisterschaften 1964 wurde ein Ginsheimer Schütze
namens Werner Kreisschützenkönig. Die Ginsheimer
Erfolge auf Kreisebene wurden 1966 von Rainer Gerhard, Horst und Peter Armann, Karl-Heinz Hebel und Gerhard Kiesel weitergeführt.
In den achtziger und neunziger Jahren wurden die Altrheinschützen durch
Sportler wie Edgar Ullrich, Helene Müller, Anita Farys,
Nico Tommasone und Walter Massing weit über Hessens
Grenzen hinaus bekannt.
Der erfolgreichste Schütze in der Vereinsgeschichte ist
Walter Massing, der mehrfache Welt- und Europameister mit dem Perkussionsgewehr
und der Luntenschlossmuskete, Europa-Rekordhalter mit der Luntenschlossmuskete,
mehrfacher Deutscher Meister mit dem Perkussions- und Steinschlossgewehr,
Deutscher Rekordhalter mit dem Perkussionsgewehr, mehrfacher Mannschafts-Welt-
und Europameister mit dem Vorderladergewehr und Sportler des Jahres 2000, 2002
und 2004 im Kreis Groß-Grau wurde. In Anerkennung seiner Leistungen wurde ihm
2001 die „Sportplakette des Landes Hessen“ verliehen.
Nach Johann Berkau führte Georg
Bender, nach ihm sein Sohn Karl Bender und später Rudi Theis die
Altrheinschützengarde. Der Name des Vereins wurde 1976 unter der Leitung von
Gerhard Kiesel in Altrheinschützen abgeändert. Zwischen 1982 und 2000 standen
Waldemar Müller, Ernst Klein und Franz-Josef Kerber
der Vereinsführung vor. 1986 wurde der Ginsheimer
Franz-Josef Kerber in Anerkennung seiner Leistungen
als Sportleiter der Altrheinschützen in den Vorstand des Schützengaues
Starkenburg gewählt. Kerber ist seit 1998
Gauschützenmeister des Kreises Starkenburg und Vorderlader-Landesreferent im
Hessischen Schützenverband.
Nach mehreren Fehlschlägen konnten die Altrheinschützen 1992
in ein eigenes Vereinsheim „Am Birkenwäldchen“ einziehen. Zwischen 1990 und
2000 hat der als internationaler Kampfrichter bekannte Franz-Josef Kerber den Verein geleitet. Seine Nachfolger sind Norbert Obenauer und Wolfgang Gattinger der
seit 2004 den Verein leitet.